| Tag für Tag: Mögliche psychische Auswirkungen auf Opfer eines Überfalls |
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| Geschrieben von: Udo Ebner |
| Donnerstag, den 07. Januar 2010 um 10:45 Uhr |
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Nach diesem brutalen Überfall auf den Kollegen in Liefering scheint es mir wichtig zu sein, nicht gleich zur Tagesordnung überzugehen. Weil plötzlich wurde uns allen wieder auf ziemlich drastische Art und Weise vor Augen geführt, wie gefährlich unsere Tätigkeit eigentlich sein kann bzw. ist, mal abgesehen vom Straßenverkehr, der ja an sich permanent eine auch nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle darstellt. Zum Glück sind wir weit davon entfernt, bei jedem Fahrgast gleich einen Panikanfall zu kriegen, aber eine gewisse Achtsamkeit ist sehr wohl angebracht, besonders wenn man sich mit den möglichen psychischen Auswirkungen eines Überfalls beschäftigt. Um mich darüber genauer zu informieren führte ich mit Prim. Univ. Doz. Dr. Reinhold Fartacek ein ausführliches Gespräch. Er stellt fest, dass die Opfersituation ein Ereignis bedeutet, dass grundsätzlich einmal Entsetzen und Angst auslöst. Eine Reaktion auf einen derart brutalen Überfall, der durchaus auf Grund der durch 16 Messerstiche verursachten Verletzungen auch tödlich hätte ausgehen können, ist oder kann eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung sein (“post” = “danach”, “trauma” = “seelische Verwundung”). Dieses Trauma kann blitz-artige Wiedererinnerung, panikartige Angstzustände oder auch Vermeidungsverhalten hervorrufen. Diese oder andere Symptome können auch später auftreten oder gar nicht, je nach psychischer Konstitution. Dr. Fartacek gab mir einen Auszug einer Beschreibung von Dr. Morschitzky, aus dem ich wie folgt zitiere (Durchlesen lohnt sich wirklich, auch wenn es diesmal etwas länger dauert): Bei der posttraumatischen Belastungsstörung handelt es sich um eine verzögerte (protrahierte) Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Nach dem DSM-IV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder einer anderen Person erlebt. Bei Kindern sind aufgrund des Entwicklungsstandes unangemessene sexuelle Erfahrungen inbegriffen. Die frühere Annahme, dass die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung nur bei Personen mit bereits prämorbider psychischer Auffälligkeit (z.B. mit emotionaler Labilität, neurotischen, affektiven oder schizophrenen Beeinträchtigungen) vorkommt, gilt allgemein als widerlegt, wenngleich die Ausprägung der Beeinträchtigung dadurch verschärft werden kann. Es besteht heute ein Konsens darüber, dass die Störung auch bei früher psychisch stabilen Personen auftreten kann, wenn sie außergewöhnlich belastenden Situationen ausgesetzt sind. Die Störung und dessen Ausmaß wird nicht allein durch das Trauma an sich definiert, sondern vielmehr auch durch die subjektive Reaktion darauf, die auf die unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweist (z.B. intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen, bei Kindern oft chaotisches oder agitiertes Verhalten). Traumatisierend wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen Integrität, sondern auch die Bedrohung der fundamental menschlichen Erfahrung, eine autonom handelnde und denkende Person zu sein. Das Sich-Aufgeben und der Verlust jeglicher Autonomie in der Zeit der traumatischen Erfahrung stellen nach neueren Erkenntnissen an vergewaltigten oder inhaftierten Menschen – unabhängig von der Lebensbedrohung – verschärfende Belastungsfaktoren dar, was zukünftig stärker berücksichtigt werden sollte. Die Störung entwickelt sich charakteristischerweise nicht sofort nach dem traumatischen Erlebnis, wie dies bei einer akuten Belastungsreaktion oder einer Anpassungsstörung der Fall ist, sondern erst Wochen bis Monate später, doch selten später als 6 Monate nach dem Trauma. Das wesentlichste Merkmal stellt das ungewollte Wiedererleben von Aspekten des Traumas dar. Es treten dieselben sinnlichen Eindrücke (z.B. bestimmte Bilder, Geräusche, Geschmacksempfindungen, Körperwahrnehmungen) sowie gefühls-mäßigen und körperlichen Reaktionsweisen auf wie zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung. Alles, was an das Trauma erinnert, wird als sehr belastend erlebt und deshalb gemieden. Bestimmte Gedanken, Bilder und Erinnerungen werden unterdrückt und verschiedene Situationen des Alltagslebens vermieden. Die emotionale Befindlichkeit kann von Patient zu Patient sehr verschieden sein, ist jedoch gewöhnlich charakteri-siert durch eine Mischung von panischer Angst, großer Traurigkeit, intensivem Ärger, emotionaler Taubheit und starken Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Schamgefühlen. Es besteht eine ausgeprägte emotionale, kognitive und psychovegetative Übererregbarkeit. Man kann folgende Arten traumatischer Erfahrungen unterscheiden: Individuelle Gewalt: ständige körperliche Misshandlung als Kind, einmalige oder mehrfache Vergewaltigung, als Kind ständiger Zeuge von Gewalt in der Familie, Verbrechen wie z.B. Banküberfall, Entführung, Geiselhaft, versuchter Raubmord, Körperverletzung, Misshandlung, Folterung, angedrohte Ermordung. Kollektive Gewalt: Erfahrung von Krieg, Kampfhandlungen oder Terrorismus, Kriegsverwundung (Abschuss als Pilot, Explosion einer Granate), Aufenthalt im Luftschutzkeller bei Fliegeralarm, gewaltsame Entwurzelung (Verschleppung, Verfolgung, Vertreibung), unmenschliche Haftbedingungen (Konzentrationslager, politisch motivierte Haft), Aussteiger aus Sekten. Naturkatastrophen: Großbrand, Blitzschlag, Überschwemmung, Dammbruch, Bergrutsch, Lawi- nenunglück, Erdbeben, Vulkanausbruch, Tornados. Technikkatastrophen: Zeuge oder Beteiligter an einem schweren Autounfall, Eisenbahn-, Schiffs- oder Flug- zeugunglück, Explosion, Arbeitsunfall, Chemieunfall. Körperliche oder psychische Extrembelastungen: Giftgasunfall, schwere Verbrennungen oder Schmerzzustände, Gehirnblutung, überlebter Herzstillstand, schwerer allergischer Schock, Knochenmarkstransplantation, lebensbedrohliche Erkrankung. Nach der Auftretenshäufigkeit kann man zwei Arten von Traumata unterscheiden: 1. Einmalige traumatische Erfahrung: Überfall, Vergewaltigung, Unfall. 2. Lange andauernde bzw. wiederholte traumatische Erfahrung: Krieg, jahrelanger sexueller Missbrauch, andauernde körperliche Misshandlung. Menschen, die nicht nur ein seelisches Trauma erlitten haben, sondern auch körperlich verletzt wurden, erleben 5 mal so häufig eine posttraumatische Belastungsstörung wie Menschen, die „nur“ ein seelisches Trauma erlebt haben. Nicht zuletzt seien nachfolgend auch die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen im Detail präsentiert: • wiederholtes Erleben des Traumas (Intrusionen) in plötzlich sich aufdrängenden Erinnerungen (Flashbacks, d.h. Rückblenden), Tagträumen oder Alpträumen, • fortwährende Angst, das Ereignis könnte sich wiederholen, • Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die an das Trauma erinnern, • zwischenmenschliche Konflikte als Folge der Vermeidung von Situationen (Autofahrten, Reisen) oder Aktivitäten (sexuelle Kontakte), die an das Trauma erinnern, • Furcht vor und Vermeidung von Stichworten, die den Betroffenen an das ursprüngliche Trauma erinnern könnten, • gelegentlich akute und dramatische Ausbrüche von Angst, Panik oder Aggression, ausgelöst durch ein plötzliches Erinnern und intensives Wiedererleben des Traumas oder der ursprünglichen Reaktion darauf, • übermäßige Schreckhaftigkeit, Panikattacken, „existenzielle Angst“, chronische Angstzustände, übermäßige Beschäftigung mit dem Tod, • gestörte Wahrnehmung des Täters: übermäßige Beschäftigung mit der Person des Täters (auch Rachegedanken), unrealistische Einschätzung des Täters als allmächtig, Idealisierung, paradoxe Dankbarkeit oder Mitleid mit dem Täter, • emotionale Abgestumpftheit und Instabilität: ständiges Gefühl von Betäubt sein, emotionaler Rückzug, allgemeine Lustlosigkeit als Schutzreaktion vor emotionaler Überforderung, aber auch impulsives Verhalten, • soziale Beziehungsstörung: Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit gegenüber der Umwelt, Entfremdung von den Angehörigen, • vegetative Übererregbarkeit mit verschiedenen körperlichen Symptomen (Herzrasen, Schweißausbrüche, Kreislauflabilität, Ohnmachtsanfälle, Zittern, Übelkeit, Kopfschmerzen, Hyperventilation, Appetitverlust, Essstörung usw.), • dissoziative Symptome (z.B. psychogene Amnesie, d.h. Vergessen der Erlebnisse), • ständige Überwachheit und häufige Schlaflosigkeit (Ein- und Durchschlafstörung), • Verlust der Selbstachtung, Selbstvorwürfe, Scham- und Schuldgefühle, • Resignation, Gefühl einer Zukunft ohne Erwartung und Hoffnung, • Verlust der bisherigen Wertvorstellungen, • depressive Stimmung, öfters auch Selbstmordgedanken und Selbstbeschädigung, • Missbrauch von Alkohol, Tranquilizern oder Drogen als Bewältigungsstrategie, • Entwicklung von Kontrollzwängen zur Angstbewältigung (Kontrolle von Türschlössern und Fenstern aus Angst vor Eindringlingen), • Entwicklung funktioneller Sexualstörungen bei Vergewaltigungsopfern, • Konzentrationsstörung und Leistungsbeeinträchtigung in Schule oder Beruf, • Beeinträchtigung der beruflichen Leistungsfähigkeit bis zur Berufsunfähigkeit. Verlauf und Folgen der posttraumati-schen Belastungsstörung Die Störung kann nach der Dauer der Symptome in drei Formen auftreten: • akut: weniger als 3 Monate lang, • chronisch: mindestens drei Monate oder länger (bei ca. 40-50%), • mit verzögertem Beginn: zwischen dem traumatischen Ereignis und dem Beginn der Symptome sind mindestens 6 Monate vergangen (dies ist eher selten). Der Verlauf einer posttraumatischen Belastungsstörung ist wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle ist jedoch eine Heilung möglich, oft allerdings erst nach Jahren. Die Störung beginnt gewöhnlich innerhalb der ersten drei Monate nach dem Trauma, kann aber auch Monate oder sogar Jahre später auftreten. Die Symptome halten unterschiedlich lange an. Bei der Hälfte der Fälle verschwinden die Symptome innerhalb von 3 Monaten. Die Störung kann einen derart chronischen Verlauf nehmen, dass es zu einer tiefgreifenden Veränderung der Persönlichkeitsstruktur kommt. Diese ist nicht durch eine verstärkte Ausprägung primärer Persönlichkeitszüge charakterisiert, sondern durch das Auftreten neuer Symptome, die vorher nicht bestanden haben (feindliche und misstrauische Haltung der Welt gegenüber, sozialer Rückzug, Entfremdung, Gefühl der Leere oder Hoffnungslosigkeit, chronische Nervosität wie bei ständiger Bedrohung). Man spricht dann von einer „andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“. Abschließend wird darauf hingewiesen, dass bei Auftreten einer posttraumatischen Belastungsstörung dringend ein Facharzt aufgesucht werden soll. Auch die Psyche gehört entsprechend behandelt, nicht nur der Körper!
Ihr Udo Ebner
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